Gartentherapie


Was ist eigentlich Gartentherapie?

Wir Menschen und die Natur um uns herum sind seit jeher miteinander verbunden, nicht nur über die funktionale Ebene der Versorgung mit Nahrung, sondern auch emotional und kulturell. So spielen Pflanzen in unzähligen Liedern, Volksweisen, Sprichwörtern, Gedichten und Gemälden eine zentrale Rolle und haben bis heute eine hohe spirituelle Bedeutung.

Die heilsame Wirkung von Gärten auf Seele und Körper war schon in der Antike bekannt. So verschrieben Ärzte verwirrten Mitgliedern der Königshäuser Spaziergänge und Aufenthalte im Garten. In Folge erster Reformansätze fanden gärtnerische und landwirtschaftliche Tätigkeiten im 19. Jahrhundert Einzug in die Psychiatrien und wurden hier als Form der Arbeitstherapie eingesetzt. Mit dem ersten und zweiten Weltkrieg stand nicht nur in den Kliniken die Funktionalität der Gärten an erster Stelle, auch im Privaten dienten Grabeland, Nutz- und Schrebergärten hauptsächlich der Selbstversorgung, an einen Erholungswert war zunächst nicht zu denken. In den 1980er Jahren dann wurde in Deutschland die Gartentherapie vor allem in Rehabilitation und Strafvollzug wiederentdeckt und die Wirkung von Naturerfahrung auf das seelische und körperliche Befinden gezielter erforscht. Der positive Einfluss von Gartenarbeit und dem Aufenthalt in der Natur z.B. bei Depressionen, Herz-/Kreislauferkrankungen, Demenz oder  psychomotorischer Unruhe ist inzwischen sicher belegt.

Seit über 10 Jahren machen es sich Multiplikatoren und Institutionen aus Gesundheitswesen und Gartenbau wie die Internationale Gesellschaft Gartentherapie, das Kuratorium Deutsche Altershilfe oder die Bildungsstätte Gartenbau Grünberg zur Aufgabe, Gartentherapie im deutschsprachigen Raum durch Weiterbildungen und Studiengänge zu professionalisieren und bekannter zu machen. In den USA und Großbritannien begann diese Akademisierung bereits in den 1950er Jahren und unter dem Oberbegriff „Green Care“ etablierten sich Initiativen, die Pflanzen und den Aufenthalt in der Natur zu therapeutischen Zwecken einsetzen. So leitet sich auch das heutige Verständnis von Gartentherapie aus dem englischen Wort „horticultural therapy“ ab: Pflanzen- und gartenorientierte Aktivitäten und Erlebnisse werden gezielt eingesetzt, um das seelische, körperliche und soziale Wohlbefinden zu fördern.

“Die Liebe zum Gärtnern ist ein Same, der, einmal gesät, niemals vergeht, eine bleibende Quelle der Freude.” (Gertrude Jekyll)

Fragen Sie sich selbst einmal: Wie wichtig sind ein Garten, Balkon, Zimmerpflanzen, ein Spaziergang im Grünen oder der Aufenthalt in der Natur für meine Lebensqualität? Für die meisten Menschen sind dies zentrale Indikatoren für Zufriedenheit und Wohlbefinden. So erfahren beispielsweise die Schrebergärten aktuell eine regelrechte Renaissance: vom funktionalen Charakter der Nachkriegszeit über ein eher verstaubtes Image in den Folgejahrzehnten, ist die Sehnsucht nach Grün heute vor allem im urbanen Raum groß und zunehmend mehr kleine und große Stadtgärtner organisieren sich in Initiativen, um gemeinsam in Kisten, Töpfen, Hochbeeten, auf Dächern und Brachflächen zu gärtnern. Aber auch wer selbst nicht gerne zum Spaten greift oder keinen eigenen Garten hat, steht im Kontakt zum Grün, das ihn umgibt und verbindet zumeist positive Eindrücke damit: Familienfeiern oder Grillabende, spielende Kinder auf Rasenflächen und Wiesen, öffentliche Grünanlagen, Picknicken im Park.

Im Laufe des Lebens wächst so eine individuelle grüne Biografie heran. Kinder setzen ihre Sinne dabei noch unbewusst und spielerisch ein, um ihre Umwelt wortwörtlich zu begreifen: Barfuß über die Wiese laufen, matschen, Löcher buddeln, Hütten bauen, auf Bäume klettern, in Pfützen springen, unter jedem Stein etwas Neues entdecken – in der Natur scheinen die Möglichkeiten schier unendlich zu sein. Ganz natürlich entwickeln Kinder so ihre Motorik und Kreativität. Später wird der spielerische Kontext des “Grün-Erlebens” dann zumeist vom gesundheitlichen Nutzen und Erholungswert abgelöst, der Garten wird ein Rückzugsort und wohltuender Kontrast zum oft fremdbestimmten Berufsalltag. Im Alter schließlich verfügen viele Menschen über einen großen, grünen Erfahrungsschatz: Jahrzehnte wurde liebevoll der eigene Garten oder die Kleingartenparzelle mit Zier- und Nutzpflanzen gepflegt, mit Freunden und Familie Tipps für den idealen Standort, Schnitt oder Sorten ausgetauscht, Teich und Laube angelegt, vielleicht auch mit dem Nachbarn über den Gartenzaun diskutiert.

Grün – als Synonym für Naturerfahrung in welcher Form auch immer, ist also tief in der menschlichen Biografie verwurzelt und impliziert immer eine hohe soziale und kommunikative Komponente. Damit bietet der Garten ein ideales Medium und breites Spektrum für die therapeutische Begleitung von Menschen mit seelischen und körperlichen Einschränkungen jeden Alters. Die Gartentherapie versteht sich dabei immer als ergänzender Ansatz in einem multiprofessionellen Kontext.

“Die Beschäftigung mit Erde und Pflanzen kann der Seele eine ähnliche Entlastung und Ruhe geben wie die Meditation.“
(Hermann Hesse)

Die ersten Krokusse im Frühjahr, der Duft von Flieder, feuchte Erde zwischen den Fingern, der Geschmack süßer Erdbeeren im Sommer, sanftes Blätterrauschen und buntes Laub im Herbst…

Pflanzen sprechen nicht nur alle Sinne an, durch Gartenarbeit und den Kontakt zur Natur werden nachweislich Glückshormone freigesetzt, Stress abgebaut, der Blutdruck gesenkt und der Stoffwechsel angeregt. So verkürzt sich beispielsweise die Verweildauer im Krankenhaus, wenn der Patient einen Ausblick auf Bäume hat und allein die Wahrnehmung einer grünen Umgebung wirkt beruhigend auf das Nervensystem. Ein Mangel an natürlichen Reizen und Bewegung wiederum kann die Gesundheit und Lebensqualität massiv beeinträchtigen.

Gartentherapie nutzt den positiven Einfluss von Naturerfahrung auf das psychische und physische Befinden. Die wohltuende rezeptive Wirkung kann über den Anblick, den Duft und das Erfühlen auch Menschen mit stärkeren kognitiven Einschränkungen erreichen. Wenn Monate und Jahreszeiten nicht (mehr) benannt werden können oder durch eine Bettlägerigkeit regelrecht verschwimmen, kann der gezielte Einsatz von Pflanzen, die den Beginn und Ausklang der Jahreszeiten definieren -sogenannte phänologische Zeigerpflanzen, wie zum Beispiel Schneeglöckchen, Forsythie, Flieder, Klatschmohn, reife Äpfel oder Kastanien- die zeitliche Orientierung unterstützen. Die Orientierung an Phänomenen der Natur basiert auf Beobachtungen, die der Mensch im Laufe seines Lebens unbewusst internalisiert hat und die weder botanisches noch meteorologisches Wissen erfordern: Mit Narzissen und Tulpen verbindet jeder den Frühling, Erdbeeren und Johannisbeeren sind ein Sinnbild für den Sommer, Nüsse, Kastanien und rotes, raschelndes Laub repräsentieren den Herbst und kahle, blattlose Bäume, Tannenzweige oder Schnee werden mit der kalten Jahreszeit assoziiert. Darüber hinaus ermöglicht auch der Prozess von der Aussaat über das Wachstum und die Pflege bis hin zur Reife, ein bewusstes Erleben der Jahreszeiten und Erfahren der eigenen Umwelt. Aktive gärtnerische Tätigkeiten wie das Ernten von Samen und Früchten, Gießen oder Topfen trainieren die Fein- und Grobmotorik, bei Aussaat und Pikieren ist die Hand-Auge-Koordination gefragt, Arbeiten wie Jäten oder pflanzen am Hochbeet sind Kraft- und Balancetraining zugleich, fördern die Mobilität, Konzentration und Koordination.

Diese unmittelbar sicht- und greifbaren Erlebnisse und das schöpferische Tun stärken das Selbstbewusstsein des Einzelnen und fördern das soziale Miteinander: Jeder Teilnehmende kann sich gemäß seiner Konstitution einbringen und ist kompetent!

 Exkurs Therapiegarten

Was unterscheidet eigentlich einen Therapiegarten von einem „normalen“ Garten? Wirkt nicht jeder Garten, der gut tut therapeutisch? Im Therapiegarten werden prinzipiell die gleichen positiven Effekte genutzt, wie man sie vom Privatgarten kennen, mit dem Unterschied, dass der Therapiegarten gezielt für die Begleitung von seelisch und körperlich erkrankten Menschen angelegt wird und hierbei bestimmte Gestaltungsmerkmale forciert. Gartenarbeit baut Stress ab, schult die Motorik, der Klient spürt und erlebt den Jahreszeitenverlauf, entspannt… Aspekte die zentral für die psychische und physische Gesundheit sind. Es ist belegt, dass eine natürliche Umgebung und der Kontakt zu Pflanzen gut tun. Wirft man nun einen Blick in Einrichtungen des Sozial- und Gesundheitswesens, Altenheime und Kliniken, stellt man allerdings fest, dass sich gerade hier, wo die körperliche und seelische Genesung im Mittelpunkt steht, Menschen mit Einschränkungen begleitet oder langfristig betreut werden, oft nur wenige bis gar keine Berührungsmöglichkeiten mit der Natur finden. Insbesondere wenn das Haus aufgrund von Pflegebedürftigkeit, Bettlägerigkeit, psychischen oder neurologischen Erkrankungen vorübergehend oder dauerhaft nicht mehr selbstständig verlassen werden kann. Ein noch so attraktiv gestaltetes Außengelände bietet für kleine und große Patienten oder Bewohner keine Vorteile, wenn es aus vorgenannten Gründen nicht nutzbar oder gar unzugänglich ist. Es erfordert also zum einen die Begleitung und gezielte Anleitung, zum anderen eine vorausschauende Planung oder Anpassung des Außengeländes. Bei der Planung sollte daher von Anfang an auf eine konsequente Barrierefreiheit geachtet werden. Darüber hinaus sollte ein Therapiegarten unter anderem folgende Merkmale bieten:

  • pflegeleicht, aber es gibt immer etwas zu tun (das heißt kein englischer Rasen oder Kiesbeete!!)
  • Bereiche für verschiedene Bedürfnisse (Sitzmöglichkeiten in Sonne und Schatten, Terrasse für gesellige Anlässe, ruhiger Teil zum Rückzug…)
  • Alle Sinne anregen (Duftpflanzen, Gemüse und Kräuter, Obstgehölze, Quellstein, Bachlauf, ganzjährige Farb- und Formaspekte…)
  • Verzicht auf Giftpflanzen und Pestizide
  • Tieren ein Zuhause bieten (Igelhaus, Vogelhäuschen, Trockenmauer, Insektenhotel, Hühnerstall…)

Aber

um Gartentherapie anzubieten braucht es keinen perfekten Therapiegarten. In jedem Einrichtungsgarten können therapeutisch wirksame Elemente integriert werden und auch auf einer Terrasse und Balkon kann kleinräumig mit Hochbeeten, Töpfen und Kästen gearbeitet werden. Wenn keine Außenanlage vorhanden ist oder die Klienten das Haus, Zimmer oder Bett nicht verlassen können oder möchten, kommt der Garten ins Haus. Hier gibt es zahlreiche Möglichkeiten z.B. mit einem mobilen Garten auf den Wohnbereichen und Stationen, sehr viele gärtnerischen Tätigkeiten lassen sich auch am Tisch oder sogar am Bett durchführen. Insbesondere für bettlägerige Menschen bietet die Gartentherapie so eine Fülle an Möglichkeiten sensorische Anreize zu schaffen.

Zum Weiterlesen

Mensch und Garten: Ein Dialog zwischen Sozialer Arbeit und Gartenbau: Christian Callo/Angela Hein/Christine Plahl (2004)

Praxisbuch Gartentherapie: Andreas Niepel/Thomas Pfister(2010)

Gartentherapie: Neue Reihe Ergotherapie. Deutscher Verband der Ergotherapeuten e.V. (2007)

Garten und Therapie. Wege zur Barrierefreiheit: Andreas Niepel/Silke Emmrich (2005)

Naturgestützte Pflege von Menschen mit Demenz: Natürliche Umgebungen für die Förderung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz nutzen: Jane Giliard/Mary Marshall (2014)

Gärten für Menschen mit Demenz: Astrid Wölfel/Erich Schützendorf et.al (2009)

Garten und Demenz. Gestaltung von Außenanlagen für Menschen mit Demenz: Martina Föhn (2012)

Nähere Informationen zur Phänologie gibt es z.B. beim DWD http://www.dwd.de/DE/klimaumwelt/klimaueberwachung/phaenologie/phaenologie_node.html

http://www.iggt.de/startseite.html

http://www.greencare.at/

https://www.thrive.org.uk/

http://horticulturaltherapynetwork.org/