Gartentherapie


Was ist eigentlich Gartentherapie?

Mensch und Natur sind seit jeher auf vielfältige Weise miteinander verbunden. So ist der Garten als kultivierte Natur, immer schon Nahrungsquelle für Mensch und Tier, dient als Hausapotheke und bietet Erholung und Stärkung. Durch alle Epochen hindurch ist die Natur Sehnsuchtsort und Sinnbild für Emotionen: Pflanzen spielen in unzähligen Liedern, Volksweisen, Sprichwörtern, Gedichten, Gemälden und nicht zuletzt allen Weltreligionen eine zentrale Rolle.

Es also nicht überraschend, dass die heilsame Wirkung von Gärten auf Seele und Körper schon in der Antike bekannt war. So sollen Ärzte verwirrten Mitgliedern der Königshäuser zur Genesung und Beruhigung, Spaziergänge und Aufenthalte im Garten verordnet haben. Auch in den Klostergärten des späten Mittelalters wurde der Wert des Gartens über einen rein wirtschaftlichen Nutzen hinaus entdeckt. Als Zier- und Lustgärten standen fortan neben dem aktiven Gärtnern auch die Ruhe, das Gebet und die Besinnung im Vordergrund. Systematischer eingesetzt und untersucht, wurde die Interaktion zwischen Mensch und Natur im Rahmen der psychiatrischen Reformbemühungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Der amerikanische Arzt Benjamin Rush schrieb 1813 als einer der ersten Mediziner seine Beobachtungen zur positive Wirkung von Gartenarbeit auf Menschen mit psychischen Erkrankungen nieder: „Es wurde bemerkt, das Manische männlichen Geschlechts in allen Hospitälern, die beim Äste schneiden, Feuer machen und Pflanzen in einem Garten halfen […] sich oft erholen, während Personen, deren Krankheitsgrad sie von diesen Diensten befreite, ihr Leben dahinsiechend zwischen den Mauern des Hospitals verbrachten“. Gärtnerische und landwirtschaftliche Tätigkeiten wurden zur dieser Zeit als eine erste Form der Arbeitstherapie eingesetzt.

In Folge des ersten und zweiten Weltkrieges trat die ganzheitliche Wirkung auf Seele und Körper in den Hintergrund.  Öffentliche wie private Flächen, Klinikgelände und jedes freie Stück Land wurden zu Grabeland, Nutz- und Schrebergärten umfunktioniert. Aus der Not heraus dienten Gärten fast ausschließlich der Selbstversorgung und an einen reinen Erholungswert war lange nicht zu denken. In den USA und Großbritannien entstanden bereits in den 1950er Jahren  Initiativen, die den gezielten Einsatz von Pflanzen und den Aufenthalt in der Natur zu therapeutischen Zwecken etablierten. Zur gleichen Zeit entwickelte sich in Deutschland, als Kombination von Beschäftigungs- und Arbeitstherapie, die Ergotherapie, in der gärtnerische und landwirtschaftliche Betätigungen allerdings nur eine von vielen Maßnahmen in der Behandlung der Patienten bilden. Gartentherapie als eigenständige Therapieform und die Wirkung von Naturerfahrung auf das seelische und körperliche Befinden wird hierzulande seit den 1980er Jahren gezielter erforscht. Der positive Einfluss ist unter anderem bei Depressionen, Herz-/Kreislauferkrankungen, Demenzen oder psychomotorischer Unruhe inzwischen sicher belegt.

Multiplikatoren und Institutionen aus dem Gesundheitswesen, Gartenbau und der Forschung wie beispielsweise die Internationale Gesellschaft Gartentherapie (IGGT), die Bildungsstätte Gartenbau Grünberg oder Universität Rostock sind bestrebt die Gartentherapie im deutschsprachigen Raum durch Weiterbildungen und Studiengänge weiter zu professionalisieren und bekannter zu machen. Die IGGT definiert Gartentherapie als „fachliche Maßnahme, bei welcher pflanzen- und gartenorientierte Aktivitäten und Erlebnisse genutzt werden, um zielgerichtet Interaktionen zwischen Mensch und Umwelt zu initiieren und zu unterstützen, mit dem Ziel der Förderung von Lebensqualität und der Erhaltung und Wiederherstellung funktionaler Gesundheit. Dieses beinhaltet: Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert, Erhaltung und Förderung von selbstbestimmter gesellschaftlicher Teilhabe und Aktivitäten, fördernde Einwirkung auf den Lebenshintergrund.“ (Quelle: Das IGGT-Konzept der GartenTherapie, S.11)

Gartentherapeut*innen sind in den verschiedensten Bereichen tätig: voll- und teilstationäre Pflegeeinrichtungen, Psychiatrie, Pädiatrie, Prävention, Rehabilitation, Hospiz, Strafvollzug, Schulen und Kindergärten … .

Als Form der naturgestützten Therapie endet die Gartentherapie aber nicht hinter dem Gartentor, sondern kann die umgebenden Natur- und Kulturlandschaften sowie Tiere miteinbeziehen. Je nach Maßnahme gibt es auch Überschneidungen mit der Kunst- und Physiotherapie. Ein wichtiger Unterschied allerdings besteht zur Natur- und Umweltpädagogik, in der über das sinnliche Erleben zwar auch das Wohlbefinden, vor allem aber ein ganzheitliches Lernen gefördert werden soll. In der Gartentherapie kann der Bildungsaspekt je nach Zielgruppe ein Nebeneffekt sein, steht aber nie im Vordergrund des therapeutischen Settings.

„Die Liebe zum Gärtnern ist ein Same, der, einmal gesät, niemals vergeht, eine bleibende Quelle der Freude.“ (Gertrude Jekyll)

Fragen Sie sich selbst einmal: Wie wichtig sind ein Garten, Balkon, Zimmerpflanzen, ein Spaziergang im Grünen oder der Aufenthalt in der Natur für meine persönliche Lebensqualität? Ein grünes Umfeld und Naturkontakt gelten als zentrale Indikatoren für Wohlbefinden und Zufriedenheit. Nicht grundlos erfahren gerade in der heutigen Zeit Initiativen wie Gemeinschaftsgärten, Solidarische Landwirtschaft und Urban Gardening großen Zulauf: Hatten beispielsweise Schrebergärten in der Nachkriegszeit noch einen überwiegend funktionalen Charakter und in den Folgejahrzehnten ein eher verstaubtest Image, so ist die Sehnsucht nach Grün heute vor allem im urbanen Raum groß. Zunehmend mehr kleine und große Stadtgärtner organisieren sich, um gemeinsam in Kisten, Töpfen, Hochbeeten, auf Dächern und Brachflächen zu gärtnern. Aber auch wer selbst nicht gerne zum Spaten greift oder keinen eigenen Garten hat, steht im Kontakt zum Grün, das ihn umgibt und verbindet zumeist positive Eindrücke damit.

Im Laufe des Lebens wächst so eine individuelle grüne Biografie heran. Kinder setzen ihre Sinne dabei noch unbewusst und spielerisch ein, um ihre Umwelt wortwörtlich zu begreifen: Barfuß über die Wiese laufen, im Matsch spielen, Löcher buddeln, Hütten bauen, auf Bäume klettern, in Pfützen springen, unter jedem Stein etwas Neues entdecken – in der Natur scheinen die Möglichkeiten schier unendlich zu sein. Ganz natürlich entwickeln sie so ihre Motorik und Kreativität. Später wird der spielerische Kontext des „Grün-Erlebens“ meist vom gesundheitlichen Nutzen und Erholungswert abgelöst, der Garten wird ein Rückzugsort und wohltuender Kontrast zum oft fremdbestimmten Berufsalltag. Im Alter schließlich verfügen viele Menschen über einen großen, grünen Erfahrungsschatz: Jahrzehnte wurde liebevoll der eigene Garten oder die Kleingartenparzelle mit Zier- und Nutzpflanzen gepflegt, mit Freunden und Familie Tipps für den idealen Standort, Schnitt oder Sorten ausgetauscht, Teich und Laube angelegt, vielleicht auch mit dem Nachbarn über den Gartenzaun diskutiert oder auch ganz ohne Garten, die Wohnung mit Zimmerpflanzen und Schnittblumen dekoriert.

Grün – als Synonym für eine ganzheitliche Naturerfahrung, ist also tief in der menschlichen Biografie verwurzelt und impliziert immer eine hohe soziale und kommunikative Komponente. Damit bietet der Garten ein ideales Medium und breites Spektrum für die therapeutische Begleitung von Menschen mit seelischen und körperlichen Einschränkungen jeden Alters. Die Gartentherapie versteht sich dabei immer als ergänzender Ansatz in einem multiprofessionellen Kontext.

„So können Kräuter und Blumen ein liebes Tagebuch bilden, weil nichts was die Erinnerung eines glücklichen Moments zurückruft, unbedeutend sein kann“
(Johann Wolfgang von Goethe)

Die ersten Krokusse im Frühjahr, der Duft von Flieder, feuchte Erde zwischen den Fingern, der Geschmack süßer Erdbeeren im Sommer, sanftes Blätterrauschen und buntes Laub im Herbst…

Pflanzen sprechen nicht nur alle Sinne an, durch Gartenarbeit und den Kontakt zur Natur werden nachweislich Glückshormone freigesetzt, Stress abgebaut, der Blutdruck gesenkt und der Stoffwechsel angeregt. So verkürzt sich beispielsweise die Verweildauer im Krankenhaus, wenn der Patient einen Ausblick auf Bäume hat und allein die Wahrnehmung einer grünen Umgebung wirkt beruhigend auf das Nervensystem. Ein Mangel an natürlichen Reizen und Bewegung wiederum kann die Gesundheit und Lebensqualität massiv beeinträchtigen.

Gartentherapie nutzt den positiven Einfluss von Naturerfahrung auf das psychische und physische Befinden. Die wohltuende rezeptive Wirkung kann über den Anblick, den Duft und das Erfühlen auch Menschen mit stärkeren kognitiven Einschränkungen erreichen. Wenn Monate und Jahreszeiten nicht (mehr) benannt werden können oder durch eine Ortsfixierung verschwimmen, kann der gezielte Einsatz von Pflanzen, die den Beginn und Ausklang der Jahreszeiten definieren (sogenannte phänologische Zeigerpflanzen), wie zum Beispiel Schneeglöckchen, Flieder, Klatschmohn, reife Äpfel oder Kastanien, die zeitliche Orientierung unterstützen. Die Orientierung an Phänomenen der Natur basiert auf Beobachtungen, die der Mensch im Laufe seines Lebens unbewusst internalisiert hat und die weder botanisches noch meteorologisches Wissen erfordern: Mit Narzissen und Tulpen verbinden wir den Frühling, Erdbeeren und Johannisbeeren sind ein Sinnbild für den Sommer, Nüsse, Kastanien und rotes, raschelndes Laub repräsentieren den Herbst und kahle, blattlose Bäume, Tannenzweige oder Schnee assoziieren wir mit der kalten Jahreszeit. Kreisläufe wie die Aussaat, Wachstum und Pflege, Reife, Ernte und Vergehen, ermöglichen ein bewusstes Erleben der Jahreszeiten und Selbsterfahrung. In der unmittelbaren Interaktion mit Natur und Garten können eigene Bedürfnisse reflektiert und Ressourcen entdeckt und gestärkt werden. Aktive gärtnerische Tätigkeiten wie das Ernten von Samen und Früchten, Gießen oder Pflanzarbeiten trainieren darüber hinaus die Fein- und Grobmotorik, bei Aussaat und Pikieren ist die Hand-Auge-Koordination gefragt,  Jäten oder pflanzen am Hochbeet sind Kraft- und Balancetraining zugleich, fördern die Mobilität, Konzentration und Koordination.

Diese unmittelbar sicht- und greifbaren Erlebnisse und das schöpferische Tun stärken das Selbstbewusstsein des Einzelnen, fördern das soziale Miteinander und wirken identitätsstiftend: Jede*r Teilnehmende kann sich gemäß der individuellen Konstitution einbringen und ist kompetent!

 Exkurs Therapiegarten

Was unterscheidet eigentlich einen Therapiegarten von einem „normalen“ Garten? Wirkt nicht jeder Garten, der gut tut therapeutisch? Im Therapiegarten werden prinzipiell die gleichen positiven Effekte genutzt, wie man sie vom Privatgarten kennen, mit dem Unterschied, dass der Therapiegarten gezielt für die Begleitung von seelisch und körperlich erkrankten Menschen angelegt ist und hierbei bestimmte Gestaltungsmerkmale aufweist. Gartenarbeit baut Stress ab, schult die Motorik, der Klient spürt und erlebt den Jahreszeitenverlauf, entspannt… Aspekte die zentral für die psychische und physische Gesundheit sind. Es ist belegt, dass eine natürliche Umgebung und der Kontakt zu Pflanzen gut tun. Wirft man nun einen Blick in Einrichtungen des Sozial- und Gesundheitswesens, Altenheime und Kliniken, stellt man allerdings fest, dass sich gerade hier, wo die körperliche und seelische Genesung im Mittelpunkt steht, Menschen mit Einschränkungen begleitet oder langfristig betreut werden, oft nur wenige bis gar keine Berührungsmöglichkeiten mit der Natur finden. Insbesondere wenn das Haus aufgrund von Pflegebedürftigkeit, Ortsfixierung, psychischen oder neurologischen Erkrankungen vorübergehend oder dauerhaft nicht mehr selbstständig verlassen werden kann. Ein noch so attraktiv gestaltetes Außengelände bietet für kleine und große Patienten oder Bewohner keine Vorteile, wenn es aus vorgenannten Gründen nicht nutzbar oder gar unzugänglich ist. Es erfordert also zum einen die Begleitung und gezielte Anleitung, zum anderen eine vorausschauende Planung oder Anpassung des Außengeländes. Bei der Planung sollte daher von Anfang an auf eine konsequente Barrierefreiheit geachtet werden. Darüber hinaus sollte ein Therapiegarten unter anderem folgende Merkmale bieten:

  • pflegeleicht, aber es gibt immer etwas zu tun (das heißt kein englischer Rasen oder Kiesbeete!!)
  • Bereiche für verschiedene Bedürfnisse (Sitzmöglichkeiten in Sonne und Schatten, Terrasse für gesellige Anlässe, ruhiger Teil zum Rückzug…)
  • Alle Sinne anregen (Duftpflanzen, Gemüse und Kräuter, Obstgehölze, Quellstein, Bachlauf, ganzjährige Farb- und Formaspekte…)
  • Verzicht auf chemische Pflanzenschutzmittel
  • Tieren ein Zuhause bieten (Igelhaus, Vogelhäuschen, Trockenmauer, Insektenhotel, Hühnerstall…)

Aber

um Gartentherapie anzubieten braucht es keinen perfekten Therapiegarten. In jedem Einrichtungsgarten können therapeutisch wirksame Elemente integriert werden und auch auf einer Terrasse und Balkon kann kleinräumig mit Hochbeeten, Töpfen und Kästen gearbeitet werden. Wenn keine Außenanlage vorhanden ist oder die Klienten das Haus, Zimmer oder Bett nicht verlassen können oder möchten, kommt der Garten ins Haus. Hier gibt es zahlreiche Möglichkeiten z.B. mit einem mobilen Garten auf den Wohnbereichen und Stationen, sehr viele gärtnerischen Tätigkeiten lassen sich auch am Tisch oder sogar am Bett durchführen. Insbesondere für ortsfixierte Menschen bietet die Gartentherapie so eine Fülle an Möglichkeiten sensorische Anreize zu schaffen.

Zum Weiterlesen

Gartentherapie: Theorie – Wissenschaft -Praxis: Umweltschutzverein Bürger und Umwelt, Geschäftsbereich Natur im Garten (2013)

Gartentherapie: Neue Reihe Ergotherapie. Deutscher Verband der Ergotherapeuten e.V. (2007)

Garten und Demenz. Gestaltung von Außenanlagen für Menschen mit Demenz: Martina Föhn (2012)

Garten und Therapie. Wege zur Barrierefreiheit: Andreas Niepel/Silke Emmrich (2005)

Gärten für Menschen mit Demenz: Astrid Wölfel/Erich Schützendorf et.al (2009)

Konzept der Gartentherapie nach IGGT

Mensch und Garten: Ein Dialog zwischen Sozialer Arbeit und Gartenbau: Christian Callo/Angela Hein/Christine Plahl (2004)

Naturgestützte Pflege von Menschen mit Demenz: Natürliche Umgebungen für die Förderung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz nutzen: Jane Giliard/Mary Marshall (2014)

Praxisbuch Gartentherapie: Andreas Niepel/Thomas Pfister (2010)

Nähere Informationen zum Thema Phänologie gibt es z.B. beim DWD

 

Multiplikatoren und Verbände:

Internationale Gesellschaft Gartentherapie (IGGT)

Gesellschaft für Gartenbau und Therapie (GGuT)

Thrive Englische Organisation zur Förderung der Gartentherapie

American Horticultural Therapy Association